Rückblick

DWA-Dialog Berlin online

Europäische Wasserpolitik und Erfahrungen aus der Corona-Pandemie

28. September 2020

SeanPavonePhoto/Adobe Stock

Rund 200 ihrer Mitglieder begrüßte die DWA am 28. September 2020 zu ihrem Jahrestreffen DWA-Dialog Berlin. Die Veranstaltung mit einem attraktiven Konferenzprogramm sowie der Mitgliederversammlung fanden in diesem Jahr erstmals online statt.

Auch in der coronabedingt virtuellen Version bot der DWA-Dialog ein spannendes Programm mit hochkarätigen Referenten zu aktuellen Themen der Wasserwirtschaft. Im Fokus standen dieses Jahr besonders die künftige europäische Umwelt- und Wasserpolitik – Stichwort Green Deal – sowie die in den vergangenen Monaten in der Branche gewonnenen Erfahrungen bei der Bewältigung der Corona-Krise.

Europäische Wasserpolitik – Auswirkungen auf Deutschland

Im ersten von zwei Vortragsblöcken gab Veronica Manfredi, Director for Quality of Life in der Europäischen Kommission, einen Überblick über die Wasserpolitik in der neuen EU-Kommission und erläuterte, wie der Green Deal neue Wege schafft und weist. An alle, denen der Green Deal der EU zunächst als „weit weg“ erscheint, gab Veronica Manfredi einen Hinweis: „Der Green Deal ist die neue Nachhaltigkeitsstrategie der EU. Überall im Green Deal geht es auch um Wasser.“

 

Was der europäische Green Deal für Deutschland bedeutet, konkretisierte anschließend der Präsident des Umweltbundesamts, Prof. Dr. Dirk Messner. Messner sieht den Green Deal als Chance für neue Impulse im Wassersektor. Als eine Herausforderung betonte er die Belastung des Grundwassers mit Pflanzenschutzmitteln in Deutschland. In diesem Zusammenhang kritisierte er den Begriff der „nicht-relevanten Metabolite“ – diese sollten als „relevante Metabolite“ eingestuft werden. Als drängendstes Problem im Zusammenhang mit Pestiziden sieht Messner die Erhaltung der biologischen Vielfalt. Wichtig seien auch Humanarzneimittel: In der Umwelt könnten über 270 Wirkstoffe nachgewiesen werden.

 

Zum Abwassersektor schwebt Messner eine konkrete Vision vor: Die Abwasserentsorgungssysteme der Zukunft sollten aus der Perspektive des European Green Deal weiterentwickelt werden. Dabei solle eine „Null-Verschmutzungs-Ambition“ verfolgt werden. Und: Die Grundsätze und Regeln des ressourcenschonenden Bauens müssten auch auf die Abwassertechnik angewendet werden, dort gelten.

Corona und was ein Virus für unsere Zukunft bedeutet

Den zweiten Block – Corona und was ein Virus für unsere Zukunft bedeutet – eröffnete Dr. Jörg Wagner mit einem umfassen Überblick auf die Corona-Krise aus Sicht des Bundesumweltministeriums. Wäre es eine Präsenzveranstaltung gewesen, Jörg Wagner wäre viel Beifall für seine ausdrückliche Anerkennung der Leistungen der Wasserwirtschaft in den vergangenen Monaten gewiss gewesen: „Herzlichen Dank, die Wasserwirtschaft hat es hervorragend gemacht.“ Die Wasserwirtschaft habe gezeigt, dass sie auch in Krisen verlässlich funktioniert. Sie habe den „Praxis-Krisen-Test“ mit Bravour gemeistert. Die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung konnten durch den gesamten bisherigen Verlauf der Pandemie und auch während des Lock Downs aufrechterhalten werden. Die Lock-Down-Phase habe deutlich gezeigt, dass eine gute personelle wie technische Ausstattung der wasserwirtschaftlichen Betriebe eine Grundvoraussetzung für die Bewältigung solcher Krisen ist. Die Betriebe der Wasserver- und Abwasserentsorgung zählen zu den systemrelevanten Betrieben, die mit Privilegien ausgestattet werden sollten. Auch wichtige Zulieferer für die Wasserwirtschaft sollten praxisgerechte Privilegien erhalten, um Zulieferketten redundant und flexibel zu gestalten.

 

Der Executive Director der International Water Association (IWA), Prof. Kala Vairavamoorthy, gab eine globale Sicht der Corona-Krise. Er berichtete insbesondere über weltweite Erfahrungen. Nach Erkenntnissen der IWA hatten schon viele Wasserbetriebe vor Auftreten des neuen Corona-Virus’ Pandemiepläne. Auch Vairavamoorthy bescheinigte, wie zuvor Jörg Wagner, dem Wassersektor eine erhebliche Robustheit gegenüber Krisen. Er bestätigte weiter Erfahrungen, die man auch in der Wirtschaft in Deutschland gemacht hat: Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung, speziell auch in der Wasserwirtschaft, Vorschub geleistet. Im Übrigen betonte der IWA Executive Director den Wert der „abwasserbasierten Epidemiologie“, also Versuche, über den Nachweis von Viren oder deren chemischen Bausteinen im Abwasser den Verlauf einer Epidemie nachzuzeichnen und vorherzusagen, auch wenn es nicht einfach sei, diese Methode im Alltag tatsächlich zu nutzen.

 

Eine Analogie zur (früheren) Schweinegrippe zog der Technische Geschäftsführer von Hamburg Wasser, Dipl.-Ing. Ingo Hannemann. Hier gab es noch Krisen- und Pandemiepläne, mit denen man starten konnte. Besonders hob er die Mammutaufgabe hervor, der sich Hamburg Wasser unterzogen hatte: Quasi über Nacht wurden etwa 1200 Beschäftigte ins Home Office geschickt. Inzwischen sei es wieder möglich, drei Tage pro Woche im Büro zu arbeiten. Die Corona-Krise habe aber auch Chancen geboten: Hamburg Wasser nutzte die leeren Straßen im Frühjahr für ein Baustellen-Sofortprogramm.

 

„Lessons Learned“ aus Sicht der Unternehmen schilderte Dr.-Ing. Michael Kuhn, Geschäftsführender Gesellschafter der Kuhn GmbH, ein mittelständischer Anlagenbauer. Seine Überzeugung: „Die Corona-Pandemie ist Chefsache.“ Was Fa. Kuhn in der Krise gelernt hat, fasste Michael Kuhn so zusammen: Die Infektion breitete sich im Unternehmen sehr schnell aus. Die Verunsicherung war sehr groß, weil keine gesicherten Kenntnisse über Ausbreitungswege und Risiken vorlagen. Fehlende Testkapazitäten erschwerten die Einschätzung, manche Testergebnisse bzw. die daraus abgeleiteten Maßnahmen waren nicht nachvollziehbar. Die Arbeit der Gesundheitsämter war am Anfang sehr zäh und uneinheitlich. Die Einrichtung eines Krisenstabs im Unternehmen unter der direkten Leitung eines Geschäftsführers war sehr wichtig und effektiv. Die Transparenz der vom Krisenstab getroffenen Maßnahmen und die aktuelle Information der Mitarbeiter war sehr gut. Klare Regeln und deren Kontrolle waren wegen einzelner ignoranter Mitarbeiter notwendig. Homeoffice ist möglich, aber mit sehr unterschiedlicher Effizienz.

Mitgliederversammlung

Ein Novum zum Abschluss des DWA-Dialogs Berlin 2020 war auch die Online-Mitgliederversammlung. Nach der üblichen Berichterstattung über das – für die DWA recht gut verlaufene – Jahr 2019 wurden hier die Jahresrechnung 2019 abgenommen, Wirtschaftsprüfer für 2021/2022 gewählt und die Wirtschaftspläne 2021/2022 festgesetzt.

 

Ein weiterer Punkt war die Wahl und Bestätigung von Präsidiums- und Vorstandsmitgliedern: Die Mitgliederversammlung bestätigte die Wahl von Dr.-Ing. Frank Obenaus (Emschergenossenschaft/Lippeverband, Essen) zum neuen Vorsitzenden des DWA-Hauptausschusses „Kommunale Abwasserbehandlung“ und bestätigte die Wiederwahl von Ass. jur. Georg Wulf für eine weitere Amtszeit als Vorsitzender des DWA-Hauptausschusses „Wirtschaft“. Ebenso bestätigte die Mitgliederversammlung die Wahl von Dr.-Ing. Michael Kuhn (Kuhn GmbH, Höpfingen) zum Vorsitzenden des DWA-Beirats.

 

Ehrungen und Auszeichnungen konnten in diesem Jahr nicht persönlich erfolgen, wurden aber verkündet und sollen in der Mitgliederversammlung 2021 nachgeholt werden. Die Ehrennadel wurde verliehen an Dipl.-Ing. Uwe Neuschäfer, Dr.-Ing. Karl-Heinz Rother, Dipl.-Geol. Roland Schindler und Dipl.-Ing. (FH) Gerhard Würzberg. Prof. Dr.-Ing. habil. Andreas Dittrich wurde mit der Theodor-Rehbock-Medaille ausgezeichnet. Und der Ernst-Kuntze-Preis wurde für das Projekt „Retentionsbodenfilter zur weitergehenden Reinigung von Kläranlagenablauf“ vergeben an Andrea F. Brunsch, Heinrich Dahmen, Katharina Knorz und Robert Krump, die beim Erftverband zusammen gearbeitet haben.