Erfolgreicher Wissensaustausch und Kläranlagenführung in Neubeuern beim 4. Stammtisch Chiemsee der Jungen DWA
Am 04.03.2026 fand das 4. Treffen des „Stammtisch Chiemsee“ der Jungen DWA statt. Rund 30 junge Fachkräfte aus verschiedensten Ecken der Branche nutzten die Gelegenheit, um sich über aktuelle Trends zu informieren, innovative Technologien zu diskutieren und ihr persönliches Netzwerk auszubauen.
Praxisnaher Auftakt: Die Ertüchtigung der Kläranlage Neubeuern
Der Auftakt der Veranstaltung fand zur Mittagszeit auf dem Gelände der kommunalen Kläranlage des Marktes Neubeuern statt, die für eine Ausbaugröße von 7.300 Einwohnerwerten (EW) ausgelegt ist. Die Teilnehmenden wurden von Bürgermeister Christoph Schneider herzlich empfangen und anschließend von Betriebsleiter Alexander Böck über die Anlage geführt.
Die Kläranlage wurde von 2021 bis 2024 tiefgreifend modernisiert. Ziel der großflächigen Ertüchtigung war es, die Anlage fit für zukünftige Belastungssteigerungen zu machen und die immer strenger werdenden gesetzlichen Ablaufanforderungen zuverlässig einzuhalten.
Bei der Ertüchtigung wurde eine Variante gewählt, bei der die beiden bestehenden Tropfkörper erhalten blieben. Neu errichtet wurden ein Rechen mit Sandfang als Kompaktanlage, ein anoxisches Becken, ein Zwischenklärbecken, ein Nachklärbecken sowie ein Maschinenhaus für Gebläse, Pumpen und Schlammeindickung. Das bestehende Betriebsgebäude wurde aufgestockt und damit um eine neue Schaltwarte, neue Sanitärräume sowie einen Besprechungsraum/Büro erweitert.
Fachprogramm im Rathaus: Impulse für die Abwasserwirtschaft von morgen
Nach dem sehr eindrücklichen Rundgang über die Kläranlage verlagerte sich die Veranstaltung in den modernen Besprechungsraum des neu errichteten Rathauses der Marktgemeinde Neubeuern. Bei einer kurzen Kaffeepause wurden bereits die ersten Fachgespräche geführt und Erfahrungen ausgetauscht. Anschließend standen zwei Fachvorträge auf dem Programm, welche die Branchenausrichtung der kommenden Jahrzehnte thematisierten: Klimaneutralität auf Kläranlagen und die Wärmegewinnung aus dem Kanal.
Vortrag 1: „Auf dem Weg zu ‚klimapositiven‘ und nachhaltigen kommunalen Kläranlagen“
Referent: Dipl.-Ing. Frank-Steffen Schmid (Jedele und Partner GmbH, Stuttgart)
Den theoretischen Auftakt machte Dipl.-Ing. Frank-Steffen Schmid. In seinem Vortrag beleuchtete er die Hebel, mit denen kommunale Abwasserbehandlungsanlagen vom reinen Energieverbraucher zum aktiven Klimaschützer transformiert werden und dabei gleichzeitig Kosten einsparen können.
Der Druck hinter diesem Thema ist hoch: Die novellierte EU-Kommunalrichtlinie (kurz: KARL) nimmt Kläranlagenbetreiber europaweit in die Pflicht, Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren und Kläranlagen ab 10.000 EW bis 2045 klimaneutral zu betreiben.
Laut Schmid gibt es verschiedene Maßnahmen, um das Ziel der Treibhausgasreduktion zu erreichen, u. a.:
• Bezug von Ökostrom • PV-Anlagen inkl. Batteriespeicher • Optimierung der Belüftung • Einführung von Co-Vergärung • Eindicken des Überschussschlamms mit einer Zentrifuge (wenn möglich mit Lysat-Geschirr und geringem Polymereinsatz) • Überschussschlamm-Desintegration (z. B. atb-Verfahren) • Ergänzung einer Klärschlammtrocknung
Diese Maßnahmen erläuterte Schmid anschaulich anhand von praktischen Beispielen aus seinem Arbeitsalltag. Zudem ging er auf die Ergebnisse von Online-Lachgas-Messungen sowie auf weitere aktuelle Themen der Abwasserwelt ein – wie den Ausbau der 4. Reinigungsstufe oder die Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm –, was unter den Teilnehmenden für eine rege Anschlussdiskussion sorgte.
Vortrag 2: „Energie aus Abwasser“
Referent: Rouven Zeus (Uhrig Energie GmbH, Geisingen)
Im zweiten Vortrag des Nachmittags widmete sich Rouven Zeus einer oft übersehenen, aber hocheffizienten Energiequelle direkt unter unseren Füßen. Unter dem Titel „Energie aus Abwasser“ präsentierte er interessante Zahlen und technische Lösungen zur thermischen Nutzung des Abwassernetzes.
Die Gewinnung von Wärme aus Abwasser gilt als erneuerbare Energie. Das Prinzip dahinter ist einfach: Kommunales Abwasser weist ein stabiles Temperaturniveau auf, das im Sommer selten über 20 °C steigt und im Winter selten unter 10 °C fällt. Dieses Temperaturniveau macht den Abwasserstrom zu einer idealen Wärmequelle für Wärmepumpen im Winter – und umgekehrt zu einer guten Wärmesenke für die Gebäudekühlung im Sommer.
Laut Rouven Zeus liegt das theoretische Potenzial dieser Technologie bei beachtlichen 5 bis 15 % des gesamten deutschen Raumwärmebedarfs. Dies entspricht einer Energiemenge von ca. 40 bis 113 Terawattstunden (TWh) pro Jahr.
Technisch umgesetzt wird dieses Verfahren wie folgt:
• In Freispiegelleitungen: Hier werden Edelstahl-Wärmetauscher nachträglich oder direkt beim Neubau auf der Kanalsohle fixiert. Das vorbeiströmende Abwasser gibt seine Wärme an einen geschlossenen Wasserkreislauf ab. • In Druckleitungen: Hier kommen Rohrabschnitte mit bereits integrierten Mantel-Wärmetauschern zum Einsatz.
Das erwärmte Trägermedium wird anschließend zu einer Wärmepumpe geleitet. Diese hebt das Temperaturniveau physikalisch auf die für Heizsysteme erforderliche Vorlauftemperatur.
Ob sich der Einbau eines solchen Systems wirtschaftlich lohnt, bedarf einer detaillierten Einzelfallprüfung anhand wesentlicher Kriterien wie einer ausreichenden Kanaldimension sowie eines ausreichend hohen Abwasserdurchflusses. Zudem muss vermieden werden, dass die Biologie der Kläranlage durch zu viel Wärmeentzug negativ beeinflusst wird.
Ausklang und Dank
Nach der gelungenen Veranstaltung nutzten die Teilnehmenden das gemeinsame Abendessen, um sich über viele weitere Themen auszutauschen. Ein herzlicher Dank gilt der Marktgemeinde Neubeuern für die Bereitstellung der Räumlichkeiten sowie für die höchst interessante Kläranlagenführung. Ebenso bedankt sich die Junge DWA bei den beiden Referenten für die tiefen Einblicke in ihre abwasserwirtschaftliche Praxis.
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