2,5 Mrd. Menschen ohne Zugang zu Sanitärsystemen: Notwendig sind internationale Zusammenarbeit und innovative Lösungen

DWA zum Welttoilettentag am 19. November

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Hennef. Mit der konventionellen Abwassertechnik lässt sich die globale Abwasserkrise nicht lösen. Auch die in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern weit verbreiteten dezentralen Sanitärsysteme stoßen bei zunehmender Urbanisierung und der immer höheren Siedlungsdichte an ihre Grenzen. Notwendig sind innovative Sanitärsysteme, die eine hygienisch sichere Abwasserentsorgung gewährleisten und gleichzeitig die in den menschlichen Ausscheidungen enthaltenen wertvollen Rohstoffe zu Kosten zurückgewinnen, die auch in Schwellen- und Entwicklungsländern finanzierbar sind. Die DWA Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft ist diesbezüglich bereits seit 1988 aktiv. „Mit dem Technischen Sicherheitsmanagement für Abwasseranlagen und dem Konzept Train the Trainer sind wir seit Jahren mit großem Erfolg international tätig. Wir forcieren die Entwicklung ressourcenorientierter Sanitärsysteme, Stichwort NASS, speziell für den Einsatz in Schwellen- und Entwicklungsländer, und kooperieren seit langem eng mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“, betont Rüdiger Heidebrecht, Abteilungsleiter Bildung und internationale Zusammenarbeit bei der DWA.

Technisches Sicherheitsmanagement in Entwicklungs- und Schwellenländer

Aktuell ist die DWA international besonders in Jordanien tätig. Seit Anfang 2019 unterstützt die DWA dort die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit bei der Einführung des Technischen Sicherheitsmanagements auf Kläranlagen in Jordanien. Zusammen mit der Water Authority Jordan wird das in Deutschland etablierte Managementtool zur Qualitätssicherung auf Kläranlagen an die jordanischen Gesetze sowie Regelungs- und Betriebsbedingungen angepasst. Die DWA hat Auditoren für das TSM ausgebildet, erste Prüfungen wurden bereits erfolgreich absolviert. Ein vergleichbares Projekt zum TSM-Management läuft zudem in Peru, auch hier ist die DWA vor allem bei der Schulung der Inspektoren aktiv.

Erfolgreich ist seit Jahren das Programm „Train the Trainer“. Die DWA gibt hier Fachleuten der Wasserwirtschaft, die in den Zielländern in der Fortbildung der Wasserwirtschaft tätig sind, vor allem ein didaktisches Rüstzeug in die Hand. Praktische Hinweise zur Wissensvermittlung stehen im Vordergrund, nicht die Übertragung des deutschen fachspezifischen Wasser-Know-hows. Aktuell laufen erfolgreich Projekte im Iran und in Jordanien, auch in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien, Bangladesch, Ägypten und Indien konnten entsprechende Projekte bereits durchgeführt werden.

NASS – Ressourcenorientierte Sanitätssysteme

Der Verbesserung der weltweiten Sanitärsituation dienen auch die Arbeiten an „Ressourcenorientierten Sanitärsystemen“, auch bekannt als NASS. Unter Ressourcenorientierten Sanitärsystemen versteht man innovative kreislauforientierte Abwasserlösungen, mit dem Ziel der Wiederverwendung von Wasser- und Nährstoffströmen. Die Systeme zielen nicht alleine auf die bessere Verwertung von Abwasserinhaltsstoffen wie Nährstoffe und organische Stoffe, sondern auch auf die Steigerung der Ressourceneffizienz der Kanalisations- bzw. Kläranlagensysteme. Die Arbeiten des DWA-Fachausschusses „NASS – Ressourcenorientierte Sanitärsysteme“ sind seit Anfang dieses Jahrtausends eng mit der Entwicklungszusammenarbeit verzahnt, beispielhaft können hier das Projekt GIZ ECOSAN oder auch die SUSANA-Plattform für weltweite Anwenderlösungen genannt werden.

Auf die besonderen Anforderungen vor Ort sind auch die Arbeiten des neuen Fachausschusses „Abwassersysteme für Schwellen- und Entwicklungsländer“ ausgerichtet. 26 Experten mit großer nationaler und internationaler Erfahrung erarbeiten gemeinsam Entscheidungshilfen beziehungsweise Handlungsempfehlungen. Neben technischen Lösungsansätzen werden Fragen der Organisationsform, Finanzierung, Planung sowie der sozialen Akzeptanz von Sanitärsystemen behandelt. Ziel ist es, in Schwellen-und Entwicklungsländern bereits in der Planungsphase dezentrale Abwasserentsorgungssysteme als Handlungsoption zu berücksichtigen. „Deswegen ist unsere Perspektive, die existierenden Synergien zwischen zentralen und dezentralen Konzepten zu nutzen und so die geeignetsten Abwassersystemlösungen regional umzusetzen. Da hierbei dezentrale Konzepte oft zu kurz kommen, müssen wir hier mit unseren Erfahrungen helfen“, betont Prof. Roland Arno Müller, Sprecher des Fachausschusses und Mitglied des DWA-Beitrags.

DWA – seit Jahrzehnten international aktiv

Die DWA schöpft bei ihrer Arbeit aus einer jahrzehntelangen Erfahrung. Bereits 1988 wurde der Fachausschuss „Internationale Zusammenarbeit in der Wasserwirtschaft“ gegründet. Seit 2005 besteht eine enge Kooperation mit dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED), der heutigen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Zudem ist die DWA Mitinitiatorin der ersten IFAT im Jahr 1966 in München, heute die zweijährlich stattfindende Weltleitmesse für Umwelttechnik. Auch bei den mittlerweile sieben Auslands-IFATs in Afrika und Asien ist die DWA als Konferenzpartnerin mit im Boot und weltweit aktiv.

Welttoilettentag – Hintergrund und Ziele

Der Welttoilettentag wurde am 19. November 2001 von der Welttoilettenorganisation ins Leben gerufen. 2013 haben die Vereinten Nationen den Tag zum Welt-Toilettentag der Vereinten Nationen aufgewertet. Hintergrund ist das weltweite Fehlen von Sanitäranlagen, vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern. Nach Zahlen der Vereinten Nationen verfügen aktuell rund 2,5 Mrd. Menschen, etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung, über keine ausreichende Sanitärversorgung. Betroffen sind vor allem ärmere Bevölkerungsschichten auf dem Land und Bewohner von Slums und schnell wachsenden Siedlungen in urbanen Ballungsräumen. Der Welttoilettentag wirbt für innovative Sanitärsysteme. Konventionelle dezentrale Abwassersysteme wie Latrinen und Sickergruben sind bei hoher Besiedlungsdichte nicht realisierbar. Sie führen zu erheblichen Grundwasserbelastungen, zudem gehen in den konventionellen Entsorgungssystemen die in menschlichen Ausscheidungen enthaltenden wertvollen Nährstoffe Großteils verloren. Auch die in den Industriestaaten etablierte zentrale Abwasserentsorgung über Schwemmkanalisation mit anschließender Behandlung in Kläranlagen ist auf Schwellen- und Entwicklungsländer häufig nicht übertragbar. Hohe Investitions- und Betriebskosten stellen erhebliche finanzielle Hürden dar, zudem kann in vielen wasserarmen Ländern kein Wasser für den Transport der menschlichen Ausscheidungen verwendet werden.

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